Exposé Pennsylvania Dutch

Lorna Sauter, eine Pennsylvania Dutch aus Philadelphia, ist in Deutschland ahnenforschend unterwegs. Ihre Recherchen zu Hause haben sie in ein kleines Dorf in Brandenburg geführt. Ihre Ahnen – die ursprünglich als pfälzische Kolonisten nach Brandenburg gekommen waren - wanderten 1772 in die U.S.A aus. Sie betrieben eine Pferdemetzgerei und wurden später Milchbauern. Lornas Vater studierte Agrarwirtschaft in Philadelphia und schickte seine Kinder Lorna und Zachary auf die höhere Schule.

Lorna zieht in die Ferienwohnung eines deutsch-kanadischen Paars ein – die Geschichte ist aus der Perspektive des Kanadiers Christopher Lewis erzählt – und besucht Archive und Bibliotheken. Die Leute im Dorf sind nicht unfreundlich, aber zurückhaltend. Eine Spur führt Lorna schließlich zu einer Frau, die vor 200 Jahren von einem abgebrannten Gehöft, das außerhalb der Gemarkung lag, ins Dorf zog. Sie bekam drei Kinder. Eines Tages wurde sie im Wald erschlagen. Der Mörder wurde nie gefunden. Mehr noch: Die Quellen legen nah, dass nie nach ihm gesucht wurde.

„Was bezweckst du eigentlich mit deiner Ahnenforschung, Lorna?“, frage ich.

Lorna kann mit meiner Frage nichts anfangen. Sie bezweckt nichts. Sie will wissen, woher ihre Leute kamen und wer sie waren.

„Das kann aber auch schiefgehen“, murmele ich. „Manchmal will man es doch gar nicht so genau wissen.“

„Ich schon. Meine Familie ist Ende des 18. Jahrhunderts ausgewandert. Sie sind also – logisch – keine Nazis und keine Stasi. Schlimmer kann es doch nicht kommen, Christopher!“

Doch da täuscht sie sich. Lorna findet nach zähen Recherchen heraus – unterstützt von Christopher und seiner Frau Phoebe – dass ihre Ahnen die Scharfrichter von Rheinsberg waren. Sie lebten außerhalb des Dorfs wie Aussätzige. Eines Tages wurde die Tochter aus Rachedurst erschlagen.

Sauters packten ihre Sachen und wanderten in die U.S.A. aus. Sie arbeiteten erst als Pferdemetzger, später als Milchbauern. Der Beruf ihrer Ahnen wurde in der Familie togeschwiegen. In Pennsylvania und in Brandenburg.

Einstieg Pennsylvania Dutch

Stechlin acht Kilometer, Neuglobsow sechs, Rheinsberg zwölf: Eine ältere Dame mit Sommerhütchen steht draußen und studiert die Hinweisschilder in die Umgebung. Ihr Blick fällt immer wieder auf unser Haus. Ein Schinkelhaus. Okay, nicht wirklich Schinkel, aber Schinkelstil. Weiß, klassizistisch, super betont durch himbeerrote Malven an der Fassade. Phoebe und ich haben es vor ein paar Jahren geerbt. Eine Hofreite, 1872 gebaut.

„Karl Schinkel war der Richard Meier des 19. Jahrhunderts“, erkläre ich Phoebe zum zweiundvierzigsten Mal.

Phoebe kann es nicht mehr hören. Sie interessiert sich weder für den deutschen Stararchitekten Karl Friedrich Schinkel noch für den amerikanischen Stararchitekten Richard Meier. Sie interessiert sich nur für ihren Bauerngarten. Zieht Zucchini, Fenchel, Lauch, Schalotten, Rote Bete. Wenn Russen in unser Dorf einmarschieren, können wir sie zwei Wochen lang mit unseren Vorräten durchbringen.

„Wir haben letztes Jahr seinen 225. Geburtstag gefeiert.“

„Meiers?“

„Schin-kels!“

„Die Frau da drüben macht mich verrückt, Christopher.“ Phoebe starrt auf die andere Straßenseite. „Was will sie bloß? Dauernd schaut sie her!“

In der Tat: Es ist nicht zu übersehen, dass die Frau mit dem Sommerhütchen uns unter Beobachtung hat. Mittlerweile ist sie zur Bushaltestelle weitergeschlendert und liest den Fahrplan. Immer unsere Haustür im Blick.

Wieder versuche ich, Phoebes Aufmerksamkeit zu erringen: Schinkel war der bedeutendste Architekt Preußens. 1781 in Neu-Ruppin geboren. Baute nicht nur in Berlin, sondern auch in der Provinz. Machte zusammen mit Friedrich dem Großen und dem Landschaftsarchitekten Peter Paul Lenné aus dem öden Agrarland Brandenburg eine Kulturlandschaft. Wenigstens für Lenné könnte sich die Gartenkünstlerin Phoebe interessieren. Der Mann hat ganz Brandenburg umgegraben; Parks geschaffen, zusammen mit Schink...

„Ich hasse es, wenn die Leute so starren!“

Unmöglich, mit meiner Frau über Architektur zu diskutieren.

"Sie wohnt in der Waldpension Lillian Harvey", weiß Phoebe.

„Wer?“

„Lorna Sauter. Die Frau da drüben! Sie ist eine Pennsylvania Dutch.“

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